Review in German weekly "Die Zeit"

Leonard Cohen's previous album (January 2012)
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Heike
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Review in German weekly "Die Zeit"

Postby Heike » Fri Jan 27, 2012 12:31 am

Leonard Cohen: Ein Erotiker von Welt

Nach acht langen Jahren schenkt uns Leonard Cohen, der große Gentleman des Pop, endlich ein neues Album.

An diesem Freitag erscheint Leonard Cohes "Old Ideas". So radikal unzeitgemäß, dass es wieder passt.

Einige Fragen gäbe es da schon noch. Gern hätte man von Leonard Cohen gewusst, wie er sich zum Tabakgenussverbot stellt, er hat doch immer so schön geraucht auf den alten Fotografien. Wo er die Grazie hernahm, einen simplen Akt des Konsums in eine Geste der Kunst zu verwandeln, hätte man von ihm wissen wollen, ob Humphrey Bogart oder Françoise Hardy Pate standen. Des Weiteren hätte uns interessiert, wie man es schafft, den Mount Baldy, jenen in Kalifornien gelegenen Berg der Erleuchteten, hinauf- und sogar unbeschadet wieder herunterzukommen, sowie natürlich das, was uns am meisten beschäftigt: wie dieses dumme Ding, das man Liebe nennt, eigentlich geht.

Dass Bedarf besteht, hat erst vor Kurzem sein Triumphzug von einer Tournee bewiesen. Ursprünglich als Maßnahme zur Abwendung des finanziellen Bankrotts gedacht, wollten so viele ihn von Suzanne, Marianne, Nancy und all den anderen singen hören, dass das Ereignis mehrmals verlängert und wiederholt werden musste. Der späte Cohen, er ist ein Mann, dem das Publikum die Botschaft von den Lippen abliest. Cohen aber, ganz Gentleman, wünschte den Hungrigen bloß artig eine gute Heimfahrt und stand ansonsten da, in seinem dunklen Anzug, in den alle Zurückhaltung dieser Welt eingewoben ist, und mit dem Hut, aus dem er klaglos seine Hits hervorzauberte, als hätte er in all den Jahren genug gesagt. Vielleicht kommt man so auf die Idee, ein Album Old Ideas zu nennen.

Unter Marketinggesichtspunkten ist Old Ideas ein echter Downer von einem Albumtitel. Besäße unsereins die Impertinenz, einem Artikel den Titel Alte Ideen zu geben, sogleich käme der Textchef angerannt, um einem das Ding um die Ohren zu hauen, denn bekanntlich sucht der Leser das Neue und das Aufregende. Man darf annehmen, dass die Plattenfirmenmenschen ähnlich unbegeistert reagiert haben, doch zum einen haben sich die Plattenfirmenmenschen, was die angemessene Herausgabe des Cohenschen Werks anbelangt, bereits so oft und so fundamental geirrt, dass eine gewisse Demut in ihren Reihen eingekehrt zu sein scheint. Zum anderen und wichtigeren ist Cohen mit 77 endlich bei jenem Status der Unantastbarkeit angelangt, der ihm in jüngeren Jahren fehlte. Das beinhaltet auch die Freiheit, Erwartungshaltungen zu enttäuschen.

Es ist kein abgeklärtes Spätwerk, das uns hier erwartet, sondern ein Buch der Unruhe, in dem es pocht, tickt und raschelt, in dem die neuen Wahrheiten als Wiedergänger der alten auftreten und die alten Wahrheiten bei sinkender Sonne auf ihren Bestand hin befragt werden. Was war da noch gleich? Da ist einer übers Wasser gewandelt, ohne unterzugehen? Vor langer Zeit vielleicht einmal. »Tell me again«, ächzt Cohen mit seiner vertrauten, im Lauf der Jahre vom Bariton zum brüchigen Brummbass herabgesunkenen Stimme, immer wieder »tell me again«, als sei das Wiederholen die letztmögliche Form des Bezeugens, als gelte es, wenigstens in der Form etwas zu bewahren, das als Inhalt verloren zu gehen droht. Man muss es in dieser Deutlichkeit sagen: Was das Verbreiten froher Botschaften anbelangt, ist der Alte ein Versager. Der späte Cohen raubt uns endlich all die Illusionen, die der junge Cohen in uns geweckt hat.

Nehmen wir nur die Idee der Erlösung. Wer glaubt, der ewige Sucher Cohen hätte im Zen-Kloster vor den Toren von Los Angeles endlich seinen Frieden gefunden, sieht sich eines Besseren belehrt. Was immer die Lehren des Meisters Joshu Sasaki Roshi gewesen sein mögen, der ihm auf dem Mount Baldy den Namen Jikan, der Stille, gab – Jikan ist den Niederungen der Welt erhalten geblieben, kein Illuminat, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher. Neuerdings scheint er gar, wie manche Männer fortgeschrittenen Alters, verstärkt zu Selbstgesprächen zu neigen. »I love to talk to Leonard, he’s a sportsman and a shepherd«, gesteht Cohen uns gleich in den ersten Zeilen, um dem elegischen Ton, mit dem er sich vorstellt wie einen alten Bekannten, sogleich eine unelegische Wahrheit folgen zu lassen: »He’s a lazy bastard living in his suit.« Der Dichter als Spieler und fauler Hund: Selten ist die Idee des Erhabenen so elegant an die Wand gefahren worden.

Oder die Liebe, von jeher Cohens Lieblingssujet. Früher handelten seine Texte von Kellnerinnen, Seherinnen und Lady Midnight, der Königin von allen, er war der Sänger all der Nächte, von denen er schon am Vorabend wusste, dass sie großartig werden würden. Auf Webseiten wie Cohenpedia hat das zu einer Flut empfindsamer Interpretationen geführt. Keiner sei in der Lage, das Wort »naked« so nackt auszusprechen, heißt es dort, man sehe förmlich den Abdruck vor sich, den die Strumpfhose auf der Haut hinterlassen habe, mehr noch, Cohen schäle den Apfel der Liebe und den Pfirsich der Lust mit einem Messer, das auf direktem Wege das Geheimnis freilegt. Und heute? Schält er noch immer, doch er ist zu keinem Kern vorgedrungen. »Dance me to the end of love« – noch so ein schöner Gedanke ohne Aussicht auf Verwirklichung. Denn in Wahrheit will das Verlangen den Körper nicht verlassen. Und der Schmerz der Trennung brennt wie am ersten Tag.

Verkündiger eines größeren Textes

Dass nichts je zu Ende geht außer dem Leben, führt beim späten Cohen aber auch zu einer meditativen Grundhaltung dem Unvermeidlichen gegenüber, wie sie im frühen Cohen allenfalls angelegt war. Verschwunden ist der Zorn, mit dem er einst gegen den bösen Appetit in der Welt zu Felde zog, in seinem düsteren Pamphlet The Future etwa, was einesteils schade ist: Zeilen wie »Give me absolute control, over every living soul« haben sich auf geradezu unheimliche Weise als prophetisch erwiesen. Doch vielleicht gerade weil die katastrophische Verfasstheit der Gegenwart so offensichtlich geworden ist, lässt er in seinen jüngsten Liedern Milde walten. Cohen ist kein Richter, vielmehr horcht er seinen Worten hinterher, als sei er bloß das Gefäß, in dem sie sich sammeln. Meister Roshi hat doch etwas bewirkt: Statt zu predigen, lässt Cohen mit jener Passivität, die seine Form männlicher Hingabe darstellt, die Welt durch sich hindurch sprechen.

Ein Hauch von Zen hält in diesen Songs die innere Unruhe in Schach, als gelte es, dem Lauf der Zeit mit Varianten tatsächlich steinalter Ideen zu begegnen: Wer Umwege geht, kommt eher ans Ziel, wer nicht sucht, der findet, und wer weiß, dass er nichts weiß, weiß wenigstens das. Dass dabei immer wieder Spott in eigener Sache der spätlesenhaften Süße der Musik in die Parade fährt, hat mit der zerbrechlichen Natur der verhandelten Dinge zu tun. Die alten Ideen, das sind ja nicht einfach Einsichten, die einem ins Auge springen, und schon gar nicht kann man sie getrost nach Hause tragen, sie sind durch eine Person hindurchgegangen und auch insofern prekäre Gespinste, die die Zeit bloß in Form von allerhand Grillen, Sottisen und Kauzigkeiten überlebt haben. Als wunderlich gewordener Vertreter eines Jahrhunderts der Lieder beharrt Cohen gleichsam auf der Aktualität seiner gesammelten Irrtümer. Zeitgemäß ist das nicht gerade. Doch auf das Zeitgemäße hat er nie viel gegeben.

Schon in seinen Anfängen wirkte er seltsam deplatziert angesichts der neuesten Stimmung im Westen, ein in feinsten Zwirn gehüllter Sohn aus gutem jüdischem Hause, der just in dem Moment, als die Gegenkultur ihren Höhepunkt erreichte, mit einfühlsamen Balladen überraschte. Revolutionen waren damit keine zu machen, die Popkritik bewitzelte ihn als Frauenversteher und steckte ihn zu den Beatpoeten, obwohl Cohens Songkunst viel stärker aus anderen Quellen schöpft. Als Kanadier war er von klein auf mit französischen Chansons vertraut, sein Gitarrenspiel verdankt dem Flamenco mehr als dem Folk, seine Bilder entstammen allen Arten von Büchern, den heiligen wie den kanonischen der Moderne. Wer seinen Sohn Adam und seine Tochter Lorca nennt, bekennt sich zur Schrift. Cohens Provokation bestand darin, die Szene als späte, doch mit allen Wassern der Überlieferung gewaschene Ausgabe eines veritablen Dichters zu betreten.

Nicht dass die Zeichen der Zeit spurlos an ihm vorübergegangen wären. Seine Songs sind undenkbar ohne die Liberalisierungen der Sechziger, die es einem etwas steifen, schon damals nicht mehr ganz jungen Mann erlaubten, den eingeschlagenen Weg als Schriftsteller zu verlassen und allen Ernstes Songwriter zu werden. Cohen genoss die Freiheiten seines Boheme-Lebens, traf Suzanne auf ihrem Boot am Fluss und Marianne an den Gestaden von Hydra, eine Zeit lang hat er sogar im Chelsea Hotel gewohnt, jenem New Yorker Hospital der Geister, in dem Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Keith Richards verkehrten, und doch setzte er in diesem Konzert eine ganz besondere Note. Sex, Drugs und Rock’n’Roll haben die Welt bloß entgrenzt. Cohen spricht als Dichter einer erotisch grundierten Spiritualität.

Viel ist über seine Form des Frauenlobs spekuliert worden, man hat versucht, sie als Abkömmling der höfischen Minne zu beschreiben, doch dabei übersehen, dass hier keinem abstrakten Ideal gehuldigt wird, sondern fleischlichen Begierden. Cohen schaut nicht nach oben, er schaut hin, das Heilige und das Obszöne liegen in seinem Schaffen so dicht beieinander, dass selbst der Blowjob auf einem ungemachten Bett zur sakralen Handlung wird. Aus denselben Gründen jedoch ist die Liebe bei ihm nie bloß Sex, sondern Einfallstor für die Mächte des Wunders. Man kann ihr Hymnen schreiben, Räusche widmen, man kann versuchen, das Schicksal günstig zu stimmen, auf dass sie eintreten möge, herbeiführen kann man sie nicht. Sie ist eine Gnade, die einem zuteilwird oder nicht. Wer jedoch leer wird wie die Mystiker in ihrer Versenkung, begreift wenigstens etwas von ihrem Wirken da draußen. »The sisters of mercy they are not departed or gone...«

Es ist dieser Messianismus, der Cohen aus dem Heer bloß bekennender Songschreiber herausragen lässt. Statt sein kleines Ich nach außen zu stülpen, spricht er als Verkündiger eines größeren Texts, der die liegen gebliebenen Trümmer der heiligen Schriften ebenso selbstverständlich mit einschließt wie die Traditionen des Pop. Stets jedoch ist das Große bei ihm klein und umgekehrt, das Utopische betritt die Bühne durch die Hintertür: als Anrufung, als Litanei, als Schlager von einem Gospel. Manchmal klingt das bereits so entrückt, dass man meint, die Englein singen zu hören angesichts der vielen säuselnden sisters, die Cohens Spätwerk bevölkern, doch ohne ein bisschen Ironie ist das Himmlische heute nicht zu haben. In der spanischen Stadt Oviedo hat man das nicht zuerst begriffen, aber die richtigen Konsequenzen daraus gezogen.

Als ihm dort im Juni des vergangenen Jahres der Prinz-von-Asturien-Preis verliehen wurde, begründete der Vorsitzende der Jury, ein Mann mit dem stolzen Namen Victor Garcia de la Concha, die Entscheidung mit den Worten, Cohen habe in seinem Werk die großen Themen heraufbeschworen, »das Vergehen der Zeit, die Liebesbeziehungen, die mystische Tradition von Ost und West und das Leben, das wie eine unendliche Ballade erzählt wird«. Und weil das nicht nur schön gesagt, sondern ausnahmsweise sogar wahr ist, fügen wir in aller Bescheidenheit hinzu: Gebt ihm endlich den Nobelpreis! Für all die Fragen, die wir ihm nicht gestellt haben, weil er außerhalb seiner Lieder nur ungern noch spricht, und die Antworten, die er uns gab, ohne dass wir es so recht merkten, hat er ihn verdient.

http://www.zeit.de/2012/05/Old-Ideas-Cohen
oblivion
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Re: Review in German weekly "Die Zeit"

Postby oblivion » Sat Jan 28, 2012 11:22 am

best article about leonard i´ve ever read in a german newspaper...
thomas groß from "die zeit" ( famous weekly paper)
describes in a very pointed, intelligent and touching way this absolute phenomenon
he comes very close to make the reader understand the magnitude of our man.
i hope somebody will translate it
ute
frankfurt+munic 1976; nuremberg 1988; lörrach, berlin, frankfurt+london 2008;
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tigrib
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Re: Review in German weekly "Die Zeit"

Postby tigrib » Sat Feb 11, 2012 9:50 pm

this is really the best I've read, but I'm afraid it's so difficult to translate without being a native speaker
2008 Berlin, Hamburg, Oberhausen, Cologne, Berlin, Colmar, Barcelona, Las Vegas, San Jose, Salzburg, Berlin, Strasbourg, Marseille, Dortmund, Stuttgart, Las Vegas 2010
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Susy
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Re: Review in German weekly "Die Zeit"

Postby Susy » Sun Feb 12, 2012 4:05 am

Das Beste dass ich je in einer Deutsch-sprachigen Zeitung gelesen habe ...
Leonard " veröffentlichte " nicht einfach ein neues Album ...
Er SCHENKTE es uns ... ich, und viele Andere würden Ihm am liebsten die Hand küssen für dieses ,
sein wunderbares Geschenk an uns ... DANKE Mr. Cohen !!!
Susy
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basecamp
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Re: Review in German weekly "Die Zeit"

Postby basecamp » Sun Feb 12, 2012 7:52 pm

A great read! Thanks for sharing!
- Hans
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Re: Review in German weekly "Die Zeit"

Postby tomsakic » Mon Feb 13, 2012 11:42 pm


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