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Bis ans Ende der Liebe
Leonard Cohen gab ein ergreifendes Konzert in Berlin
Sabine Vogel
Weltschmerz beginnt in der Pubertät. In seinen Liedern hat ihn der Musiker und Pop-Poet Leonard Cohen alterslos gemacht. Der Unterschied zum Sehnsuchtsleiden der Jugend ist nur, dass die Alten unter uns wissen, was sie verloren haben. Selten wurde das so spürbar wie am Samstagabend, beim Konzert von Leonard Cohen in Berlin. "Wir haben seine Lieder gehört, in Einsamkeit oder mit einem Geliebten, wenn die Nacht kam. Nun erkennen wir ein vergangenes Leben wieder", schreibt der Schriftsteller Pico Iyer im Programmheft zu Cohens wahrscheinlich letzter Welttournee. Unser Glück, sein Pech: Cohens Agentin hat während seiner Jahre in einem buddhistischen Kloster bei Los Angeles seine knapp fünf Millionen Dollar Altersvorsorge veruntreut.
Nicht Jugend, nicht Potenz meint dieses Verlustgefühl, die doch bei Popmusik immer so eine dominante Rolle gespielt hat. Sex & Drogen & Rock'n'Roll sind bei Leonard Cohen schon immer eher wehmütige letzte Walzer, buddhistische Demut und Abgeklärtheit und, ja doch, ein Rest Rebellion, wenn er in "Democracy" Amerika den Marsch bläst.
Er singt seine alten Lieder wie neu und die neuen wie immer, nur seine Stimme ist noch 1 000 Küsse tiefer geworden - und fester. Denn am Grund des Ozeans gibt es keinen Abgrund mehr, vor dem man sich fürchten muss. Aber dieses Lied, "1 000 Kisses Deep" vom 2001er Album "Ten New Songs", singt er gar nicht am Sonnabend in Berlin. Und von seinem vielleicht religiösesten Lied "If it be your will" (Dein Wille geschehe), das Antony anlässlich von Cohens 70. Geburtstag in einer unübertrefflich inbrünstigen Version vortrug, spricht Cohen nur den Text. Ein Gedicht, ein Gebet über die Hingabe. Das Singen überlässt er den Background-Sängerinnen. Die "sublimen" Webb-Schwestern Hattie und Charley intonieren diese Hymne feengleich zu jenseitigem Harfengezupfe. Ein Choral zum Geschirrspülen, wenn's hilft?
Den gezogenen Hut ans Herz gedrückt, lauscht Cohen andächtig lächelnd. Überhaupt, dieses schiefe, schüchterne Lächeln, diese leicht gebeugte Demutshaltung, mit der er all seine Mitmusiker wiederholt euphorisch vorstellt, seine Verneigungen, diese Dankbarkeit lässt er auch dem ihm von der ersten Sekunde an ergebenen Publikum zuteil werden. Mit Dank dafür, dass wir seine Lieder all diese Jahre - manche seit 1967 - am Leben gehalten haben, entlässt er uns am Ende. Und schon zum Auftakt des Konzerts, bei seiner Bitte um den Tanz bis ans Ende der Liebe, kniet er nieder. Auf dem Boden liegen abgetragene Perserteppiche, selbst die nicht Dekor auf der minimalistisch funktionalen Bühne. Nur Licht, rot, blau, violett, gelb und weiß taucht die Songs in verschiedene Atmosphären.
Kein Nebel, kein Gedöns, kein Gehampel. In schwarzem Anzug und weißer Bluse die drei Sängerinnen, dezente Wiegeschritte, nur kurz mal ein spöttisch-affektiertes Fernsehballett-Zitat mit den Armen. Keine visuellen Ablenkungen vom Eigentlichen, keine Aufladungen mit optischem Zierrat, nur beidseits der Bühne auf zwei Leinwänden die Großprojektion von Cohen und seiner Musiker, intim nah der Dreitagebart, die ergrauten Haare, das Lächeln, die Lippen am Mikrofon, die in höchster Konzentration, Intensität und Innerlichkeit geschlossenen Augen: You want to travel blind. Die Fältchen. Bis auf die Webb-Sisters sind alle Musiker der wunderbaren Band um den 74-jährigen Cohen nicht mehr jung und glatt. Umso glaubwürdiger ist ihre Innigkeit, mit der sie das Unwiederbringliche der Liebe beklagen. Und in unserer eigenen Zerknittertheit erkennen wir den "Famous Blue Raincoat", den berühmten blauen Regenmantel, der schon damals an der Schulter zerrissen war, als wir noch davon träumten, dass alles gut werde.
Aus Liebe entstehen wir, in Liebe gehen wir. Den rätselhaften Blues von der Boogie-Street singt Sharon Robinson, seit 1979 mit Cohen musizierend, die quasi die ganzen "Ten New Songs" komponierte und elektronisch orchestrierte. Ihre Soulstimme hebt den melancholischen Tonfall der "Schönen Verlierer" in eine kristallklare Sphäre. Der "Ladies' Man" ist am Ende weniger ein Frauenversteher, sondern einer, der von Frauen verstanden wird. Schön wär's, sagt meine Begleiterin, als Cohen "I'm Your Man" anstimmt. Auch wenn es heißt, dass Cohen sich erst mit diesem angerockten Lied (wenn du einen anderen Liebhaber willst, trage ich diese alte Maske für dich) eine männliche Fangemeinde erobert habe, gab es diese weiblichen Männer schon immer. Sie, die sich hemmungslos zu wehleidiger Romantik, heroischem Liebeskummer und morbider Monotonie bekannten, haben (zumindest mir) Cohens Platten aufgelegt, die Kassetten und später die CDs kopiert.
Der Weltschmerz ist da wie eh und je. Aber heute schneuzen wir uns die Nase und schunkeln leise mit wie glückselige Trottel in einer Anstalt, wie die Gefangenen im "Tower of Love". Das Leben hat sich nicht so entwickelt, wie man dachte? Es geht darum "zu tun, was man tun muss", sagt der Mystiker im Mafiosihut 2001 in einem Interview. Resignation oder Weisheit? Im Zen-Kloster, so Cohen, suchte er keine neue Religion - davon hat der jüdische Kanadier selbst genug -, sondern eine Struktur. Er sagt nicht Sinn. An so was glaubte er nie. "Am Ende konvertierte ich zum Koch und kümmerte mich um meinen Lehrer."
Eines der vielen Wunder, die in der ausverkauften O2-Halle geschahen: Über drei Stunden lang sang Cohen unsere Lieblingslieder, das "Halleluja", die Hits von "Suzanne" bis "So long Marianne", und es waren immer noch welche zu vermissen übrig. Als wir nach dieser universellen Weltschmerz-Messe benommen, ergriffen und schweigsam nach Hause trotteten, schien in jedem von uns ein ungesungenes Lied, eine Gedichtzeile nachzuhallen. Und die Engel haben vergessen, für mich zu beten. Als wären die Krusten auf unseren Seelchen geplatzt und hätten den riesigen Hallraum der eigenen Sehnsüchte wieder aufgeschlossen. Niemand hat gesagt, dass Glück lustig ist.
Aber vielleicht so? Ich wollte dich verlassen, ich streite es nicht ab, ich habe es hundert Mal versucht, und bin doch jeden Morgen wieder neben dir aufgewacht.
Etoile wrote:Hello to everyone,
I'm new here and have just logged in to share my joy for the concert in Berlin yesterday. A massive ceremony being held a few meters away from the remains of the Wall, and magic in spite of the very bad location at this new high-tech machine hall (which is so hated in Berlin).
Can anyone (may be a native speaker) remember better than me Cohen's reference to the financial crisis? While introducing "Anthem" he spoke -if I remember well- of the privilege which means being gathered together like yesterday while there's so much suffering in the world, and "the magic realism of the market place has vanished"; he mentioned the words "moral" and "ethics" and said that's why now, more than ever, we should "ring the bells, that still can ring". Would be nice if someone got the exact words.
Etoile
jarkko wrote:Amazing concert - Leonard really took Berlin!
Eija and I were sitting a bit aside, so I got only some good pix. This one of Charley and Hattie is my favorite.
They're doing "If it be your will".







jarkko wrote:Amazing concert - Leonard really took Berlin!
Eija and I were sitting a bit aside, so I got only some good pix. This one of Charley and Hattie is my favorite.
They're doing "If it be your will".
Paula wrote:Tinderella really nice picture. You could almost be related. I wish I had gone
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